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Die Geschichte von Warcraft

Die Geschichte von Warcraft

Die Geschichte von Warcraft

4. Kapitel: Allianz und Horde

Das Dunkle Portal und der Untergang von Sturmwind
Warcraft: Orcs and Humans

Während Kil’jaeden die Horde für die Invasion von Azeroth vorbereitete, kämpfte Medivh weiter gegen Sargeras um seine Seele. König Llane, der edle Monarch von Sturmwind, beobachtete die Dunkelheit, die den Geist seines ehemaligen Freundes zu besudeln schien, mit wachsendem Misstrauen. König Llane weihte Anduin Lothar, den letzten Nachfahren des Geschlechts der Arathi, den er seinen Waffenbruder nannte, in seine Befürchtungen ein. Doch keiner der Männer konnte auch nur im Geringsten ahnen, welche Schrecken Medivhs langsamer Abstieg in den Wahnsinn wirklich mit sich bringen würde.

Als letztes Lockmittel versprach Sargeras, dass er Gul’dan große Macht verleihen würde, sollte er einwilligen, die Horde nach Azeroth zu führen. Durch Medivh teilte Sargeras dem Hexenmeister mit, dass er zu einem lebenden Gott werden könne, sollte er das unterseeische Grabmal finden, in dem die Wächterin Aegwynn vor fast tausend Jahren den verstümmelten Körper von Sargeras begraben hatte. Gul’dan willigte ein und beschloss, dass er das legendäre Grab finden und seine Belohnung einfordern würde, sobald die Bewohner von Azeroth unterworfen waren. Sargeras war sich nun sicher, dass die Horde seinen Zwecken dienen würde, und gab den Befehl zum Beginn der Invasion.

Unter gemeinsamer Aufbietung aller Kräfte öffneten Medivh und die Hexenmeister des Schattenrats das Dimensionstor, das als Dunkles Portal bekannt ist. Dieses Portal überbrückte die Distanz zwischen Azeroth und Draenor und war groß genug, dass ganze Armeen es passieren konnten. Gul’dan schickte Späher der Orcs durch das Portal, damit sie die Länder, die sie erobern sollten, ausspähen konnten. Als die Späher zurückkehrten, versicherten sie dem Schattenrat, dass die Welt Azeroth reif für die Eroberung sei.

Durotan war freilich immer noch der festen Überzeugung, dass Gul’dans Verderbnis den Untergang seines Volkes bedeuten würde, und stellte sich abermals gegen die Hexenmeister. Der tapfere Krieger behauptete, dass die Hexenmeister den Geist der Orcs verunreinigten und diese tollkühne Invasion ihr Untergang wäre. Da Gul’dan es nicht riskieren konnte, einen so populären Helden zu töten, musste er Durotan und seinen Frostwolfklan in entlegene Regionen dieser neuen Welt verbannen.

Als die verbannten Frostwölfe durch das Portal gingen, schlossen sich nur wenige Klans der Orcs an. Diese Orcs errichteten in aller Hast einen Stützpunkt im schwarzen Morast, einem dunklen Sumpfgebiet weit im Osten des Königreichs Sturmwind. Als die Orcs ausströmten und die neuen Länder erforschten, ließen Konflikte mit den menschlichen Verteidigern von Sturmwind nicht lange auf sich warten. Diese Scharmützel fanden zwar meist ein rasches Ende, machten aber Schwächen und Stärken der rivalisierenden Völker deutlich. Llane und Lothar konnten nie genaue Daten über die Zahl der Orcs sammeln und nur vermuten, welche Größe die Streitmacht hatte, mit der sie es zu tun bekommen sollten. Nach einigen Jahren war die Mehrzahl der orcischen Horde nach Azeroth aufgebrochen und Gul’dan schien die Zeit für den entscheidenden Schlag gegen die Menschheit gekommen. Die Horde schlug mit aller Macht gegen das ahnungslose Königreich Sturmwind zu.

Als die Streitkräfte von Azeroth und die Horde überall im Königreich aufeinander prallten, forderten interne Konflikte beider Armeen ihren Tribut. König Llane, der es nicht für möglich hielt, dass die bestialischen Orcs Azeroth erobern könnten, hielt geringschätzig die Stellung in seiner Hauptstadt Sturmwind. Lothar indessen kam zu der Überzeugung, dass der Kampf im Feindesland ausgetragen werden sollte, und musste sich zwischen seiner Überzeugung und seiner Loyalität zum König entscheiden. Lothar beschloss, seinen Instinkten zu folgen, und erstürmte mit Hilfe des jungen Zauberlehrlings Khadgar Medivhs Turmfestung Karazhan. Es gelang Khadgar und Lothar, den besessenen Wächter zu besiegen, in dem sie die Ursache des Konflikts sahen. Als Lothar und der junge Lehrling Medivhs Körper töteten, verbannten sie den Geist von Sargeras unwissentlich in den Abgrund. Als Folge konnte auch der reine, tugendhafte Geist von Medivh weiterleben… und wanderte viele Jahre durch die Astralebene.

Medivh war zwar besiegt, doch die Horde blieb den Verteidigern von Sturmwind weiter überlegen. Als der Sieg der Horde näher rückte, erkannte Orgrim Schicksalshammer, einer der größten Häuptlinge der Orcs, endlich die Verrohung und Verderbnis, die seit der Zeit auf Draenor über die Klans gekommen war. Durotan, sein alter Weggefährte, kehrte aus der Verbannung zurück und warnte ihn erneut vor Gul’dans Verrat. Gul’dans Vergeltung folgte auf dem Fuß. Seine Auftragsmörder töteten Durotan und dessen Familie und ließen nur seinen Sohn, noch ein Kleinkind, am Leben. Schicksalshammer wusste nicht, dass Aedelas Schwarzmoor, ein Offizier der Menschen, dieses Kleinkind, Durotans Sohn, fand und als Sklaven behielt.

Dieser kleine Orc sollte eines Tages zum größten Führer werden, den sein Volk je gekannt hatte.

Orgrim setzte, durch Durotars Tod erbost, alles daran, die Horde von der dämonischen Verderbnis zu befreien und übernahm schließlich die Rolle eines Kriegshäuptlings der Horde, indem er Gul’dans korrupte Marionette Schwarzfaust beseitigte. Unter seiner entschlossenen Führung begann die gnadenlose Horde schließlich mit der Belagerung der Burg Sturmwind. König Llane hatte die Macht der Horde drastisch unterschätzt und musste hilflos mit ansehen, wie sein Königreich den grünhäutigen Invasoren in die Hände fiel. Schließlich fiel König Llane durch die Hand einer der besten Attentäterinnen des Schattenrates: der Halborc-Frau Garona.

Lothar und seine aus Karazhan heimkehrenden Krieger hegten die Hoffnung, sie könnten das Blutvergießen beenden und ihre einst ruhmreiche Heimat retten. Doch sie kehrten zu spät zurück und fanden nur noch schwelende Ruinen in ihrem geliebten Königreich. Die orcische Horde verheerte weiter das Land und forderte die umliegenden Ländereien für sich. Lothar und seine Gefährten mussten sich verstecken und schworen einen grimmigen Eid, ihre Heimat um jeden Preis zurückzuerobern.

Die Allianz von Lordaeron
Warcraft 2: Tides of Darkness

Fürst Lothar scharte die Überreste der Armeen Azeroths nach der Niederlage bei der Burg Sturmwind um sich und begann einen gewaltigen Exodus über das Meer ins nördliche Königreich Lordaeron. In der festen Überzeugung, dass die Horde die gesamte Menschheit unterwerfen würde, sofern man ihr keinen Einhalt gebot, trafen sich die Anführer der sieben Menschennationen und vereinten ihre Völker zur Allianz von Lordaeron. Zum ersten Mal seit fast dreitausend Jahren wurden die entzweiten Nationen von Arathor wieder unter einem Banner vereinigt. Fürst Lothar, der Oberkommandierende der Streitmacht der Allianz, bereitete seine Armeen auf die Ankunft der Horde vor.

Mit Unterstützung seiner Offiziere Uther Lichtbringer, Admiral Daelin Prachtmeer und Turalyon konnte Lothar auch die halbmenschlichen Völker Lordaerons von der drohenden Gefahr überzeugen. Die Allianz sicherte sich die Unterstützung der stoischen Zwerge von Eisenschmiede und einer kleinen Zahl Hochelfen aus Quel’Thalas. Die Elfen, die zu jener Zeit von Anasterian Sonnenwanderer angeführt wurden, interessierten sich kaum für den bevorstehenden Konflikt. Aber sie waren verpflichtet, Lothar zu helfen, denn er war der letzte Nachfahre des Geschlechts der Arathi, welches den Elfen in früheren Zeiten beigestanden hatte.

Die Horde stand zu dieser Zeit unter dem Kommando von Kriegshäuptling Schicksalshammer. Sie brachte Oger von ihrer Heimatwelt Draenor herbei und konnte auch die neutralen Waldtrolle von Amani auf ihre Seite ziehen. Daraufhin begann die Horde einen gewaltigen Feldzug mit dem Ziel, das Zwergenkönigreich Khaz Modan und die südlichen Ausläufer von Lordaeron zu unterwerfen, und dezimierte mühelos jegliche Opposition.

Die epischen Schlachten des Zweiten Krieges reichten von groß angelegten Scharmützeln zur See bis zu verlustreichen Materialschlachten in der Luft. Irgendwo hatte die Horde ein mächtiges Artefakt namens Dämonenseele gefunden und damit die alte Drachenkönigin Alexstrasza versklavt. Die Horde drohte, sie würde Alexstraszas kostbare Eier zerstören, und zwang sie so, ihre erwachsenen Kinder in den Krieg zu schicken. Die edlen roten Großdrachen sahen keinen anderen Ausweg, als für die Horde zu kämpfen, und so kämpften sie.

Der Krieg tobte auf den Kontinenten Khaz Modan, Lordaeron und Azeroth selbst. Als Teil ihres Feldzugs im Norden brannte die Horde das Grenzland von Quel’Thalas nieder und sorgte so dafür, dass die Elfen die Sache der Allianz endgültig unterstützten. Im Verlauf des Konflikts wurden auch die größeren Städte und Metropolen Lordaerons verwüstet. Lothar und seinen Verbündeten gelang es jedoch, die Feinde auf Distanz zu halten, obwohl keine Verstärkung eintraf und sie zahlenmäßig unterlegen waren.

Dann aber brach in den letzten Tagen des Zweiten Krieges, als der Sieg der Horde über die Allianz schon fast sicher schien, ein schrecklicher Zwist zwischen den beiden mächtigsten Orcs von Azeroth aus. Als Schicksalshammer gerade das letzte Gefecht gegen die Hauptstadt von Lordaeron vorbereitete, ein Angriff, der den kläglichen Resten der Allianz den Todesstoß versetzt hätte, verließen Gul’dan und seine Anhänger ihre Posten und stachen in See. Der bestürzte Schicksalshammer, der durch Gul’dans Verrat fast die Hälfte seiner Streitmacht verloren hatte, war zum Rückzug gezwungen und verlor damit seine größte Chance auf einen Sieg über die Allianz.

Der machtgierige Gul’dan, darauf versessen, Gottstatus zu erlangen, begann eine verzweifelte Suche nach dem versunkenen Grabmal von Sargeras, in dem er das Geheimnis der höchsten Allmacht verborgen glaubte. Gul’dan, der seine Orc-Mitstreiter bereits dazu verdammt hatte, Sklaven der Brennenden Legion zu werden, dachte nicht weiter an seine Verpflichtung gegenüber Schicksalshammer. Mit Unterstützung der Klans der Stormreaver und der Schattenhammer gelang es Gul’dan, das Grabmal von Sargeras vom Meeresboden emporsteigen zu lassen. Als er jedoch die alte, überflutete Gruft öffnete, warteten dort nur wahnsinnige Dämonen auf ihn.

Schicksalshammer trachtete derweil danach, die pflichtvergessenen Orcs für ihren Verrat zu bestrafen, und schickte seine Streitmacht los, Gul’dan zu töten und die Abtrünnigen wieder zurückzubringen. Für seine Tollkühnheit wurde Gul’dan von den wahnsinnigen Dämonen, die er befreit hatte, in Stücke gerissen. Nach dem Tod ihres Anführers unterlagen die abtrünnigen Klans Schicksalshammers wütenden Legionen schon nach kurzer Zeit. Die Rebellion war damit zwar niedergeschlagen, doch gelang es der Horde nicht, sich von den schrecklichen Verlusten zu erholen, die sie erlitten hatte. Gul’dans Verrat hatte der Allianz nicht nur Hoffnung gegeben, sondern auch die Zeit, sich neu zu formieren und Vergeltung zu üben.

Lord Lothar begriff sehr schnell, dass Unstimmigkeiten die Horde entzweiten, scharte seine letzten Truppen um sich und drängte Schicksalshammer nach Süden zurück ins verwüstete Zentrum von Sturmwind. Dort kesselte die Streitmacht der Allianz den Rest der Horde in der vulkanischen Festung Schwarzfelsspitze ein. Lord Lothar fiel zwar am Fuße der Schwarzfelsspitze im Kampf, doch sein getreuer Mitstreiter Turalyon scharte die Kräfte der Allianz zur elften Stunde um sich und trieb die Horde in die tiefen Sümpfe des Elends. Es gelang Turalyons Streitkräften, das Dunkle Portal zu zerstören, jenes mystische Portal, das für die Orcs die Verbindung zu ihrer Heimatwelt Draenor darstellte. Nachdem die Horde damit von Verstärkung aus Draenor abgeschnitten war und durch interne Unstimmigkeiten gelähmt wurde, hatte sie der mächtigen Allianz nichts mehr entgegenzusetzen.

Die verstreuten Klans der Orcs wurden schnell zusammengetrieben und in Internierungslager gesperrt. Es schien nun zwar, als wäre die Horde endgültig besiegt, aber viele blieben skeptisch, ob der Friede wohl von Dauer sein würde. Khadgar, inzwischen ein berühmter Erzmagier, brachte das Oberkommando der Allianz dazu, die Festung Nethergarde zu bauen, um die Ruinen des Dunklen Portals zu bewachen und zu gewährleisten, dass keine weiteren Invasionen von Draenor aus erfolgten.

Die Invasion von Draenor
Warcraft 2X: Beyond the Dark Portal

Kaum waren die lodernden Feuer des Zweiten Krieges erloschen, da leitete die Allianz aggressive Schritte ein, um die Gefahr durch die Orcs einzugrenzen. Im Süden von Lordaeron wurde eine Anzahl großer Internierungslager für die gefangenen Orcs erbaut. Diese von den Paladinen und Soldatenveteranen der Allianz bewachten Lager erwiesen sich als großer Erfolg. Die gefangenen Orcs waren zwar nervös und brannten darauf, wieder zu kämpfen, doch den verschiedenen Lageraufsehern, deren Basis sich in der alten Gefängnisfestung Durnholde befand, gelang es, Frieden und einen Anschein von Ordnung zu erhalten.

Doch auf der Höllenwelt Draenor bereitete eine neue Orc-Armee einen Feldzug gegen die ahnungslose Allianz vor. Ner’zhul, ehedem Mentor von Gul’dan, vereinte die verbliebenen Klans der Orcs unter seinem dunklen Banner. Mit Unterstützung des Schattenmondklans hatte der alte Schamane die Absicht, auf Draenor eine Anzahl von Portalen zu öffnen, die die Horde zu neuen, unberührten Welten führen sollten. Als Energiequellen für diese Portale benötigte er einige verzauberte Artefakte aus Azeroth. Um sie in seinen Besitz zu bringen, öffnete Ner’zhul das Dunkle Portal wieder und schickte seine gierigen Diener hindurch.

Die neue Horde unter der Leitung von erfahrenen alten Kriegshäuptlingen wie Grom Höllschrei und Kilrogg Totauge vom Klan des Blutenden Auges überraschte die Verteidiger der Allianz und zog plündernd durch das Land. Mit Hilfe von Ner’zhuls exakten Anweisungen sammelten die Orcs in kurzer Zeit die benötigten Artefakte ein und flohen zurück ins sichere Draenor.

König Terenas von Lordaeron war überzeugt, dass die Orcs eine erneute Invasion von Azeroth planten, und befahl die engsten Vertrauten unter seinen Offizieren zu sich. Er gab General Turalyon und dem Erzmagier Khadgar den Befehl, eine Expedition durch das Dunkle Portal zu führen und der Bedrohung durch die Orcs ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Turalyon und Khadgars Truppen marschierten nach Draenor und lieferten sich zahlreiche Gefechte mit Ner’zhuls Klans auf der öden Höllenfeuerhalbinsel. Doch nicht einmal mit Unterstützung der Hochelfin Alleria Windläufer, des Zwergs Kurdran Wildhammer und des Soldatenveteranen Danath Trollbann konnte Khadgar verhindern, dass Ner’zhul Portale zu anderen Welten öffnete.

Schließlich öffnete Ner’zhul tatsächlich Portale zu anderen Welten, doch welch schrecklichen Preis er dafür würde bezahlen müssen, konnte er nicht ahnen. Die riesigen Energien der Portale begannen, Draenor bis in den innersten Kern zu erschüttern und auseinander zu reißen. Während Turalyons Truppen verzweifelt versuchten, in die Heimat Azeroth zurückzukehren, wurde Draenor von verheerenden Erdbeben heimgesucht. Grom Höllschrei und Kilrogg Totauge, die erkannten, dass Ner’zhuls größenwahnsinnige Pläne ihr ganzes Volk dem Untergang preisgaben, scharten die verbliebenen Orcs um sich und flohen nach Azeroth, wo sie zumindest vor den Erdbeben sicher waren.

Auf Draenor erklärten sich Turalyon und Khadgar bereit, das ultimative Opfer zu bringen, nämlich das Dunkle Portal von ihrer Seite aus zu zerstören. Sie wussten, dass es sie und ihre Gefährten das Leben kosten würde, aber dass dies die einzige Möglichkeit war, Azeroths Überleben zu sichern. Noch während Höllschrei und Totauge sich mit der Macht der Verzweiflung durch die Reihen der Menschen einen Weg in die Freiheit erkämpften, explodierte das Dunkle Portal hinter ihnen. Für sie und die anderen Orcs auf Azeroth gab es nun kein Zurück mehr.

Ner’zhul und sein loyaler Schattenmondklan gingen durch das größte ihrer neu geschaffenen Portale, während ungeheure Vulkanausbrüche die Kontinente von Draenor in Stücke rissen. Sturmfluten der kochenden Meere rollten über die Trümmer der Kontinente hinweg, bis die gepeinigte Welt durch eine gewaltige Explosion apokalyptischen Ausmaßes zerstört wurde.

Die Geburt des Lichkönigs

Ner’zhul und seine Anhänger betraten die wirbelnde Netherwelt, die Astralebene, die alle Welten im Großen Dunklen Jenseits verbindet. Leider warteten Kil’jaeden und seine dämonischen Diener dort bereits auf sie. Kil’jaeden, der geschworen hatte, sich wegen seiner trotzigen Weigerung an Ner’zhul zu rächen, riss den alten Schamanen gnadenlos und langsam in Stücke. Kil’jaeden ließ den Geist des Schamanen am Leben und unversehrt, auf dass Ner’zhul deutlich spüren sollte, wie sein Körper verstümmelt wurde. Zwar flehte Ner’zhul den Dämon an, seine Seele zu befreien und ihm den Tod zu gewähren, doch der Dämon erwiderte grimmig, dass der Blutpakt, den sie vor langer Zeit geschlossen hatten, nach wie vor Gültigkeit habe und Ner’zhul immer noch einen Zweck zu erfüllen hätte.

Da es den Orcs nicht gelungen war, die Welt für die Brennende Legion zu erobern, war Kil’jaeden gezwungen, eine neue Armee aufzustellen, um Chaos über die Königreiche von Azeroth zu bringen. Diese neue Armee durfte nicht in dieselben kleingeistigen Rivalitäten und Kämpfe untereinander verfallen, die die Horde geplagt hatten. Sie musste verbissen und gnadenlos das eine Ziel ihrer Mission verfolgen. Diesmal konnte sich Kil’jaeden keinen Misserfolg leisten.

Kil’jaeden hielt Ner’zhuls Seele hilflos in Stasis, gab ihm aber eine letzte Chance, der Legion zu dienen oder aber ewige Folterqualen zu erdulden. Abermals ließ sich Ner’zhul unbedacht auf einen Pakt mit dem Dämon ein. Ner’zhuls Seele wurde in einen eigens geschaffenen Block aus Eis von der Härte eines Diamanten gesperrt, Eis, das aus den entlegensten Regionen der wirbelnden Netherwelt herbeigeschafft worden war. In seinem tiefgefrorenen Sarg spürte Ner’zhul, wie sein Bewusstsein sich zehntausendfach ausdehnte. Von der chaotischen Kraft des Dämons verdorben, wurde Ner’zhul zu einem spektralen Wesen von unauslotbarer Macht. In diesem Augenblick verschwand der Orc namens Ner’zhul für immer und der Lichkönig war geboren.

Ner’zhuls loyales Gefolge aus Todesrittern und Angehörigen des Schattenmonds wurde ebenfalls von der Chaosenergie des Dämons verwandelt. Die tückischen Zauberer wurden in Stücke gerissen und als skelettartige Lichs wiedergeboren. Der Dämon hatte dafür gesorgt, dass Ner’zhuls Anhänger ihm selbst im Tode treulich dienen würden.

Als der richtige Zeitpunkt gekommen war, erläuterte Kil’jaeden die Mission, für die er den Lichkönig geschaffen hatte. Ner’zhul sollte eine Seuche von Tod und Schrecken über Azeroth bringen, die die menschliche Zivilisation für alle Zeiten ausrotten würde. Alle, die an der grauenhaften Seuche starben, würden als Untote wiederauferstehen und ihre Seelen sollten für alle Zeiten Ner’zhuls Willen unterworfen sein. Kil’jaeden versprach, wenn Ner’zhul seine Aufgabe meistern und die Menschheit vom Antlitz der Welt tilgen könnte, dann würde er den Fluch von ihm nehmen und ihm einen neuen, gesunden Körper geben.

Obwohl Ner’zhul einwilligte und offenbar darauf brannte, seine Rolle zu spielen, hegte Kil’jaeden Zweifel an der Loyalität seines Handlangers. Dass er dem Lichkönig keinen Körper gab und ihn in dem Kristallsarg gefangen hielt, sicherte vorerst sein gutes Benehmen, aber der Dämon wusste, dass er wachsam sein musste und ihn niemals aus den Augen lassen durfte. Aus diesem Grund rief Kil’jaeden die Elitewache seiner Dämonen herbei, die vampirischen Schreckensfürsten, damit sie Ner’zhul bewachen und gewährleisten sollten, dass er seine grauenhafte Aufgabe erledigte. Tichondrius, der mächtigste und verschlagenste unter den Schreckensfürsten, stellte sich der Herausforderung; ihn faszinierte das Ausmaß der Seuche und das beispiellose Potenzial zum Völkermord des Lichkönigs.

 

Eiskrone und Frostthron

Kil’jaeden beförderte Ner’zhuls Sarg aus Eis wieder in die Welt Azeroth. Der gehärtete Kristall schoss über den Nachthimmel und landete auf dem einsamen arktischen Kontinent Nordrend, wo er sich tief in den Eiskronegletscher eingrub. Der durch den brutalen Absturz verformte und beschädigte gefrorene Kristall erinnerte an einen Thron und Ner’zhuls rachsüchtige Seele regte sich bald in seinem Inneren.

Aus der Enge seines Frosthrons sandte Ner’zhul sein riesiges Bewusstsein aus und berührte die Gedanken der Bewohner von Nordrend. Ohne große Mühe gelang es ihm, die Gedanken der zahlreichen eingeborenen Kreaturen, darunter Eistrolle und wilde Wendigos, zu versklaven und ihre bösen Brüder unter seinen wachsenden Einfluss zu bringen. Seine übersinnlichen Kräfte schienen fast grenzenlos und er nutzte sie, um eine kleine Armee aufzustellen, die er in den verschlungenen Labyrinthen des Eiskronengletschers verbarg. Während der Lichkönig unter ständiger Beobachtung durch die Schreckensfürsten seine wachsenden Fähigkeiten meisterte, entdeckte er eine entlegene Menschensiedlung am Rande der großen Drachenverseuchung. Ner’zhul beschloss aus einer Laune heraus, seine Kräfte an den arglosen Menschen zu erproben.

Er schickte eine Seuche des Untodes, deren Ursprung tief im Frostthron lag, in die arktische Eiswüste hinaus. Allein kraft seines Geistes kontrollierte er die Seuche und brachte sie mitten in ein Menschendorf. Binnen drei Tagen waren alle in der Siedlung tot, doch wenig später standen die toten Dorfbewohner als Zombiekadaver wieder auf. Ner’zhul konnte ihre Seelen und Gedanken spüren wie seine eigenen. Durch die tosende Kakophonie in seinen Gedanken wurde Ner’zhul noch mächtiger, als würden ihn diese Seelen mit dringend benötigter Nahrung versorgen. Er stellte fest, dass es ein Kinderspiel war, die Aktionen der Zombies zu steuern und sie nach seinen Wünschen zu lenken.

Während der nächsten Monate experimentierte Ner’zhul weiter mit seiner Seuche des Untodes, indem er jeden menschlichen Bewohner von Nordrend damit infizierte. Da seine Armee der Untoten mit jedem Tag wuchs, wusste er, dass der Tag seiner wahren Prüfung näher rückte.

 

Die Schlacht von Grim Batol

Derweil kämpften die versprengten Überreste der Horde in den vom Krieg gebeutelten Südländern um das nackte Überleben. Zwar konnten Grom Höllschrei und sein Kriegshymnenklan sich der Gefangennahme entziehen, Totauge und sein Klan des Blutenden Auges jedoch wurden eingekesselt und in die Internierungslager von Lordaeron gebracht. Trotz dieser verlustreichen Aufstände hatten die Aufseher der Lager bald wieder die Kontrolle über ihre ungebührlichen Schützlinge.

Eine große Streitmacht der Orcs jedoch streifte noch immer ohne Wissen der Allianz frei durch die nördlichen Wüsten von Khaz Modan. Der Klan des Drachenmals unter Führung des berüchtigten Hexenmeisters Nekros kontrollierte mit Hilfe eines alten Artefakts namens Dämonenseele die Drachenkönigin Alexstrasza und ihren Drachenschwarm. Mit der Drachenkönigin als Geisel stellte Nekros in der verlassenen – und, wie manche behaupten, verfluchten – Wildhammerfestung Grim Batol heimlich eine Armee auf. Nekros hatte vor, seine Streitmacht und die mächtigen roten Drachen gegen die Allianz ins Feld zu schicken, und hegte die Hoffnung, die Horde damit wieder zu vereinen und die Eroberung von Azeroth fortzusetzen. Seine Vision freilich wurde nicht Wirklichkeit: Einer kleinen Schar von Widerstandskämpfern unter dem Menschenmagier Rhonin gelang es, die Dämonenseele zu zerstören und die Drachenkönigin aus Nekros’ Bann zu befreien.

In ihrer Wut zerstörten Alexstraszas Drachen Grim Batol bis auf die Grundmauern und äscherten den größten Teil des Klans des Drachenmals ein. Nekros’ hochfliegende Pläne der Wiedervereinigung waren endgültig gescheitert, als Truppen der Allianz die überlebenden Orcs zusammentrieben und in die wartenden Internierungslager warfen. Die Niederlage des Klans des Drachenmals bedeutete das Ende der Horde und des wütenden Kampfrausches der Orcs.

 

Die Lethargie der Orcs

Monate vergingen und immer mehr Orcs wurden gefangen genommen und in die Internierungslager gesteckt. Aufgrund zunehmender Überfüllung der Lager war die Allianz gezwungen, neue Lager auf den Ebenen südlich des Alteracgebirges zu erbauen. Damit er die ständig wachsende Anzahl der Lager ordentlich unterhalten und versorgen konnte, erhob König Terenas eine neue Steuer von den Nationen der Allianz. Neben steigenden politischen Spannungen wegen Grenzstreitigkeiten sorgte speziell diese neue Steuer für zunehmende Unruhe. Es hatte den Anschein, als würde der Pakt, der die Nationen der Menschen in ihrer dunkelsten Stunde zusammengeschweißt hatte, jeden Moment zerbrechen.

Inmitten des politischen Aufruhrs bemerkten zahlreiche Lageraufseher eine beunruhigende Veränderung an den gefangenen Orcs. Im Laufe der Zeit hatten Fluchtversuche und selbst Kämpfe unter den Gefangenen deutlich nachgelassen. Die Orcs wurden in zunehmendem Maße verschroben und lethargisch. Es war kaum zu glauben, aber die Orcs – die einst als das aggressivste Volk auf Azeroth betrachtet worden waren – schienen ihren Kampfeswillen vollkommen eingebüßt zu haben. Diese seltsame Lethargie stellte die Führer der Allianz vor Rätsel und forderte zunehmend Tribut unter immer schwächer werdenden Orcs.

Spekulationen, nach denen eine seltsame, nur auf Orcs übertragbare Krankheit die merkwürdige Lethargie bewirkte, machten die Runde. Doch Erzmagier Antonidas von Dalaran stellte eine andere Hypothese auf. Antonidas erforschte das Wenige, das man über die Geschichte der Orcs wusste, und fand heraus, dass sie seit Generationen bereits unter dem verderblichen Einfluss dämonischer Mächte standen. Er mutmaßte, dass die Orcs schon vor der ersten Invasion von Azeroth von diesen Mächten missbraucht worden waren. Dämonen hatten ganz eindeutig das Blut der Orcs verunreinigt, was den Bestien wiederum unnatürlich übersteigerte Stärke, Belastbarkeit und Aggression bescherte.

Antonidas stellte die Theorie auf, dass die allgemeine Lethargie der Orcs keine Krankheit, sondern die Folge einer Reaktion auf den Entzug jener vergänglichen Hexenmeistermagien war, die sie zu furchteinflößenden, blutrünstigen Kriegern gemacht hatte. Die Symptome waren zwar klar, doch gelang es Antonidas nicht, ein Heilmittel für den momentanen Zustand der Orcs zu finden. Viele seiner Magierkollegen vertraten ohnehin die Meinung, dass es nicht klug wäre, ein Heilmittel für die Orcs zu suchen. Einige angesehene Führer der Allianz stimmten dem zu. Antonidas machte sich weiter Gedanken über den rätselhaften Zustand der Orcs und kam zu dem Ergebnis, dass nur eine spirituelle Heilung in Frage käme.

Die neue Horde

Aedelas Schwarzmoor, der oberste Aufseher der Internierungslager, wachte in seiner Gefängnisfestung Durnholde über die gefangenen Orcs. Einem bestimmten Orc galt sein besonderes Interesse: dem Waisenkind, das er fast achtzehn Jahre zuvor gefunden hatte. Schwarzmoor hatte den jungen Orc als seinen Lieblingssklaven aufgezogen und ihm den Namen Thrall gegeben. Schwarzmoor brachte dem Orc alles über Taktik, Philosophie und Kampf bei. Thrall wurde sogar zum Gladiator ausgebildet. Die ganze Zeit über versuchte der verderbte Aufseher, aus dem Orc eine lebende Waffe zu machen.

Trotz seiner harten Jugend wuchs der junge Thrall zu einem starken, scharfsinnigen Orc heran und wusste tief in seinem Herzen, dass er nicht bis an sein Lebensende das Dasein eines Sklaven fristen wollte. Während er heranwuchs, erfuhr er von seinem Volk, den Orcs, die er nie kennen gelernt hatte: Nach ihrer Niederlage waren die meisten Orcs in Internierungslager gesperrt worden. Man munkelte, dass Schicksalshammer, der Führer der Orcs, aus Lordaeron entkommen war und sich verborgen hielt. Nur noch ein einziger abtrünniger Klan agierte im Geheimen und versuchte, sich den aufmerksamen Blicken der Allianz zu entziehen.

Der erfindungsreiche, wenn auch noch unerfahrene Thrall beschloss, aus Schwarzmoors Festung zu fliehen und nach seinesgleichen zu suchen. Im Lauf seiner Wanderschaft besuchte Thrall die Internierungslager und sah, wie seltsam verzagt und lethargisch sein einst mächtiges Volk geworden war. Da er hier die stolzen Krieger nicht fand, auf die er gehofft hatte, machte Thrall sich auf, den letzten unbesiegten Orc-Häuptling zu finden, Grom Höllschrei.

Ständig von den Menschen gejagt, hatte sich Höllschrei den unbeugsamen Kampfeswillen der Horde bewahrt. Mit Unterstützung seines getreuen Kriegshymnenklans führte Höllschrei einen Guerillakrieg gegen die Unterdrückung seines bedrängten Volks. Unglücklicherweise fand Höllschrei nie eine Möglichkeit, die internierten Orcs aus ihrer Trägheit zu reißen. Unter dem Einfluss von Höllschreis Idealismus entwickelte der leicht zu beeinflussende Thrall eine starke Zuneigung zur Horde und ihrer Kriegertradition.

Auf der Suche nach der Wahrheit über seine eigene Herkunft reiste Thrall nach Norden, um den legendären Frostwolfklan zu finden. Thrall fand heraus, dass Gul’dan die Frostwölfe in den Anfangstagen des Ersten Krieges verbannt hatte. Und er erfuhr, dass er Sohn und Erbe des Orc-Helden Durotan war, des wahren Häuptlings der Frostwölfe, der vor fast zwanzig Jahren in der Wildnis ermordet worden war.

Unter den Augen des ehrwürdigen Schamanen Drek’Thar studierte Thrall die alte Schamanenkultur seines Volkes, die unter der Herrschaft des üblen Gul’dan in Vergessenheit geraten war. Mit der Zeit wurde Thrall ein mächtiger Schamane und nahm seinen rechtmäßigen Platz als Häuptling der verbannten Frostwölfe ein. Mit der Macht der Elemente selbst ausgerüstet und von dem Drang beseelt, sein Schicksal zu finden, brach Thrall auf, um die gefangenen Klans zu befreien und sein Volk von der dämonischen Verderbnis zu heilen.

Bei seinen Reisen traf Thrall auf den alten Kriegshäuptling Orgrim Schicksalshammer, der seit vielen Jahren als Einsiedler lebte. Schicksalshammer, der ein enger Freund von Thralls Vater gewesen war, schloss sich dem jungen Visionär an, um mit ihm zusammen die gefangenen Klans zu befreien. Mit Unterstützung vieler der alten Häuptlinge gelang es Thrall letztendlich, die Horde neu zu beleben und seinem Volk eine neue spirituelle Identität zu geben.

Als Symbol der Wiedergeburt seines Volkes kehrte Thrall in Schwarzmoors Festung Durnholde zurück und vereitelte die Pläne seines einstigen Herrn, indem er die Internierungslager belagerte. Doch der Sieg hatte seinen Preis: Bei der Befreiung eines Lagers fiel Schicksalshammer im Kampf.

Thrall nahm Schicksalshammers legendären Kriegshammer an sich, legte seine schwarze Rüstung an und wurde der neue Kriegshäuptling der Horde. In den folgenden Monaten zerstörte Thralls kleine, aber findige Horde die Internierungslager und vereitelte alle Anstrengungen der Allianz, ihrer listenreichen Strategie etwas entgegenzusetzen. Von seinem besten Freund und Mentor Grom Höllschrei ermutigt, machte Thrall es sich zur Aufgabe, dass kein Orc jemals wieder Sklave sein sollte.

 

Der Krieg der Spinne

Während Thrall seine Brüder in Lordaeron befreite, baute Ner’zhul das Zentrum seiner Macht in Nordrend aus. Eine große Zitadelle wurde über dem Eiskronegletscher errichtet, um die wachsenden Legionen der Untoten aufzunehmen. Doch ein schattenhaftes Reich stellte sich dem zunehmenden Einfluss des Lichkönigs entgegen. Das alte unterirdische Königreich Azjol-Nerub, das von einem Volk böser humanoider Spinnen gegründet worden war, schickte ihre Elitekriegerwache aus, um Eiskrone anzugreifen und dem irren Machtstreben des Lichkönigs ein Ende zu bereiten. Zu seinem großen Ärger musste Ner’zhul feststellen, dass die bösartigen Neruber nicht nur gegen die Seuche, sondern auch gegen seine telepathische Beeinflussung immun waren.

Die Spinnenfürsten der Neruber befehligten unermessliche Streitkräfte und verfügten über ein unterirdisches Netzwerk, das sich fast über die halbe Breite von Nordrend erstreckte. Mit ihrer Taktik, die Festungen des Lichkönigs anzugreifen und sich sofort wieder zurückzuziehen, vereitelten sie immer wieder seine Bemühungen, sie auszuschalten. Schließlich gewann Ner’zhul seinen Krieg gegen die Neruber durch schiere Erschöpfung. Mit Unterstützung der bedrohlichen Schreckensfürsten und seiner zahllosen untoten Krieger fiel der Lichkönig in Azjol-Nerub ein und ließ die unterirdischen Tempel über den Köpfen der Spinnenfürsten einstürzen.

Die Neruber waren zwar immun gegen seine Seuche, doch Ner’zhuls zunehmenden nekromantischen Kräfte ermöglichten ihm, die Kadaver der Spinnenkrieger wiederzuerwecken und seinem Willen zu unterwerfen. Als Anerkennung ihrer Zähigkeit und Furchtlosigkeit übernahm Ner’zhul die eigenwillige Architektur der Neruber für seine eigenen Festungen und Gebäude. Da er sein Königreich nun unangefochten beherrschte, begann der Lichkönig mit den Vorbereitungen für seine wahre Mission. Mit seinem grenzenlosen Bewusstsein drang der Lichkönig in die Länder der Menschen ein und rief jede dunkle Seele, die bereit war, ihm zuzuhören…

Kel’Thuzad und das Entstehen der Geißel

Es gab eine Hand voll mächtiger Individuen, die weit verstreut auf der ganzen Welt den mentalen Ruf des Lichkönigs in Nordrend hörten. Unter ihnen war auch Kel’Thuzad, Erzmagier von Dalaran, eines der ältesten Mitglieder der Kirin Tor, des herrschenden Rats von Dalaran. Aufgrund der Hartnäckigkeit, mit der er die verbotene Kunst der Nekromantie studierte, war er jahrelang als Sonderling betrachtet worden. Er war besessen von dem Wunsch, alles über die Welt der Magie und ihre dunklen Wunder zu wissen, und frustriert ob dessen, was er für die altmodischen und phantasielosen Denkweisen seiner Kollegen hielt. Als er den Ruf aus Nordrend vernahm, setzte der Erzmagier seine gesamte, nicht unerhebliche Willenskraft ein, um mit der geheimnisvollen Stimme in Kontakt zu treten. In der Überzeugung, dass die Kirin Tor zu zimperlich waren, Macht und Wissen der dunklen Künste zu nutzen, machte er sich daran, von dem übermächtigen Lichkönig alles zu lernen, was er nur konnte.

Kel’Thuzad ließ sein Vermögen und seine einflussreiche politische Position zurück, schwor den Kirin Tor ab und verließ Dalaran für immer. Von der beharrlichen Stimme des Lichkönigs in seinen Gedanken angetrieben, veräußerte er seinen gesamten riesigen Besitz und lagerte sein Vermögen ein. Allein reiste er zu Wasser und zu Lande viele Meilen, bis er schließlich die eisige Küste von Nordrend erreichte. Der Erzmagier, fest entschlossen, den Eiskronegletscher zu erreichen und dem Lichkönig seine Dienste anzubieten, durchquerte die durch den Krieg verwüsteten Ruinen von Azjol-Nerub. Kel’Thuzad sah Ausmaß und Wucht von Ner’zhuls Macht aus erster Hand. Ihm wurde klar, dass es nicht nur weise, sondern obendrein wahrscheinlich höchst fruchtbar wäre, sich mit dem geheimnisvollen Lichkönig zu verbünden.

Nach monatelangen Reisen durch das lebensfeindliche arktische Ödland gelangte Kel’Thuzad schließlich zum dunklen Eiskronegletscher. Mutig näherte er sich Ner’zhuls dunkler Zitadelle… und erschrak, als die untoten Gardisten ihn stumm passieren ließen, als würde er erwartet. Kel’Thuzad stieg tief in das kalte Erdreich hinab und gelangte so zum Grund des Gletschers. Dort warf er sich in der endlosen, düsteren Eishöhle vor dem Frostthron auf den Boden und bot seine Seele dem dunklen Fürst der Toten an.

Der Lichkönig war zufrieden mit seinem jüngsten Diener. Er versprach Kel’Thuzad Unsterblichkeit und große Macht als Gegenleistung für Loyalität und Gehorsam. Kel’Thuzad, den es nach dunklem Wissen und Macht gelüstete, akzeptierte seine erste große Mission: Er sollte in die Menschenwelt ziehen und dort eine neue Religion gründen, die den Lichkönig als Gott verehren sollte.

Damit der Erzmagier seine Mission besser erfüllen konnte, ließ Ner’zhul Kel’Thuzads Menschsein unangetastet. Der betagte, aber dennoch charismatische Hexer sollte seine Kräfte der Illusion und Überzeugung nutzen, um die unterdrückten, geknechteten Massen von Lordaeron in einen Zustand von Vertrauen und Glauben zu ziehen. Und nachdem er ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte, würde er ihnen in einer neuen Vision zeigen, wie die Gesellschaft aussehen könnte – und eine neue Galionsfigur, die sie ihren König nennen konnten.

Kel’Thuzad kehrte verkleidet nach Lordaeron zurück und verwendete in den kommenden drei Jahren sein gesamtes Vermögen und seine Gedankenkräfte darauf, eine geheime Bruderschaft gleich gesinnter Männer und Frauen ins Leben zu rufen. Diese Bruderschaft, die er Kult der Verdammten nannte, versprach ihren Akolyten gesellschaftliche Gleichstellung und ewiges Leben auf Azeroth als Gegenleistung für ihre Dienste und Gehorsam gegenüber Ner’zhul. Im Lauf der Monate fand Kel’Thuzad viele eifrige Freiwillige für seinen neuen Kult unter den erschöpften, überlasteten Arbeitern von Lordaeron. Es fiel Kel’Thuzad überraschend leicht, dieses Ziel zu erreichen: den Glauben der Bürger an das Heilige Licht zum Glauben an Ner’zhuls dunklen Schatten zu verwandeln. Während der Kult der Verdammten wuchs und sein Einfluss zunahm, achtete Kel’Thuzad akribisch darauf, seine Aktionen vor den Regierenden von Lordaeron verborgen zu halten.

Nach Kel’Thuzads Erfolg in Lordaeron traf der Lichkönig letzte Vorbereitungen für seinen Großangriff gegen die menschliche Zivilisation. Ner’zhul füllte seine Seuchenenergien in eine Reihe tragbarer Artefakte, die „Seuchenkessel“ genannt wurden, und befahl Kel’Thuzad, die Kessel nach Lordaeron zu bringen, wo sie in den zahlreichen vom Kult beherrschten Dörfern versteckt werden sollten. Die von den getreuen Kultisten beschützten Kessel sollten als Seuchengeneratoren fungieren und die Seuche unter den ahnungslosen Bürgern der Landstriche und Städte nördlich von Lordaeron verbreiten.

Der Plan des Lichkönigs ging voll und ganz auf. Viele der nördlichen Dörfer von Lordaeron wurden fast auf der Stelle verseucht. Bürger, die sich mit der Seuche ansteckten, starben, um als willige Sklaven des Lichkönigs wiederaufzuerstehen, genau wie in Nordrend. Die Kultisten unter Kel’Thuzad waren begierig darauf zu sterben und in den Diensten ihres dunklen Fürsten ihre Auferstehung zu erleben. Sie bejubelten die Aussicht auf Unsterblichkeit in einem Dasein als Untote. Und je mehr die Seuche sich ausbreitete, desto mehr wilde Zombies erstanden in den Nordlanden. Kel’Thuzad betrachtete die wachsende Armee des Lichkönigs und nannte sie „die Geißel“, denn bald schon sollte sie zu den Toren von Lordaeron marschieren und die Menschheit ausrotten.

 

Die Allianz zerbricht

Ohne etwas von den Totenkulten zu bemerken, die in ihren Ländern entstanden, begannen die Führer verschiedener Nationen der Allianz einen kleinmütigen Zank und Streit um Territorialansprüche und schwindenden politischen Einfluss. König Terenas von Lordaeron hegte die Befürchtung, dass der Pakt, den sie in ihrer düstersten Stunde geschmiedet hatten, nicht mehr lange halten würde. Terenas hatte die Führer der Allianz dazu gebracht, dass sie Geld und Arbeitskräfte für den Wiederaufbau des südlichen Königreichs Sturmwind bereitstellten, das während der Besatzung Azeroths durch die Orcs zerstört worden war. In Verbindung mit den enormen Kosten für den Unterhalt der zahlreichen Orc-Internierungslager brachten speziell diese höheren Steuern viele Anführer – und hier besonders Genn Graumarn von Gilneas – zu der Überzeugung, dass für ihre Königreiche eine Abwendung von der Allianz von Vorteil wäre.

Erschwerend kam hinzu, dass die überheblichen Hochelfen von Silbermond der Allianz den Beistand aufkündigten und behaupteten, die schlechte Strategie der Menschen habe dazu geführt, dass ihre Wälder im Zweiten Krieg niedergebrannt worden seien. Terenas bezwang seine Ungeduld und brachte den Elfen taktvoll in Erinnerung, dass Quel’Thalas ohne die zahlreichen tapferen Menschen, die ihr Leben für seine Verteidigung gegeben hatten, vom Antlitz der Erde verschwunden wäre. Doch die Elfen beschlossen störrisch, eigene Wege zu gehen. Nach dem Abgang der Elfen entschieden sich auch Gilneas und Stromgarde für die Unabhängigkeit.

Die Allianz zerfiel, doch noch hatte König Terenas Verbündete, auf die er sich verlassen konnte. Admiral Prachtmeer von Kul Tiras und der junge König Varian Wrynn von Azeroth blieben der Allianz treu ergeben. Und die Hexer der Kirin Tor unter dem Erzmagier Antonidas versicherten Terenas weiterhin der unerschütterlichen Unterstützung durch Dalaran. Am beruhigendsten war aber der Schwur des mächtigen Zwergenkönigs Magni Bronzebart, der gelobte, dass die Zwerge von Eisenschmiede für immer in der Schuld der Allianz stehen würden, da sie Khaz Modan von der Herrschaft der Horde befreit hatte.